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deutsch-polnische Radtouren der guten Nachbarschaft
Werner Stenzel
August 2025
Gedanken über die deutsch-polnischen Radtouren
der guten Nachbarschaft
Die Generation, die noch die Erinnerung an den Zweiten
Weltkrieg in sich trägt, denkt an die Friedensfahrt als ein
zutiefst emotionales, befriedendes, ja befreiendes Erlebnis. Es
brauchte weder Werbeagenturen noch irgendwelche Plakate. Es
genügte die Friedenstaube von Pablo Picasso.
Die Menschen erwarteten in froher Stimmung an den Straßen
der Friedensfahrt die Fahrer und respektierten die Leistungen
anderer Völker ebenso wie die eigenen. Noch heute erinnere ich
mich an die lebhaften Diskussionen von Maurern und
Zimmerleuten mit ihren Lehrlingen über die Chancen der
Rennfahrer. In der Mitte der 1950er Jahre wurden
Streckenmeldungen per „Kofferheule“ zu echten
Feierabenderlebnissen nach getaner Arbeit, zumal Täve Favorit
war.
Die Friedensfahrt, in jedem Monat Mai pünktlich gestartet,
wurde zu einem Teil meines Lebens. Die Begeisterung war auch
der Grundstein für den Bau des Friedensfahrtsmuseums, das
ausschließlich in ehrenamtlicher Arbeit durch Spenden entstand.
Heute ist das Museum in Kleinmühlingen ein
international besuchter Treffpunkt von
Sportfreunden.
Es war also kein Zufall, dass unsere im Jahre 1989
gegründete Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen dem
Landessportbund Gorzów (LZS) den Vorschlag machte,
gemeinsame Radtouren zu organisieren. Jan Graliński und
Zdzisław Butrym sagten ja: Radtouren der guten Nachbarschaft.
Wer waren die deutschen Organisatoren? Da denke ich an die
erste Vorsitzende unseres Vereins, Dr. Christa Hübner, vor allem
an Bruno Schultz, der seine Kindheit und Jugend bis zum Jahr
1949 in Łódź/Lodsch erlebte. Die Geschichte von Freude und
Not dortiger Völkerschaften füllt Bände von Chroniken.
Vergessen werde ich auch nicht Jörg Lüderitz mit seinen
Wanderbüchern jenseits der Oder.
Wir hatten aber auch noch eine Überraschung: Für das
Teilnehmerfeld der ersten Jahre meldeten sich Täve Schur und
sein Mannschaftskamerad Rolf Töpfer an, denen sich bald
Teilnehmer der DDR-Rundfahrten Fritz Andersch und Wolfgang
Mattke hinzugesellten. Es verbreitete sich ein Hauch von
Friedensfahrt, als im Jahre 1993 in Kostrzyn/Küstrin die ersten
435 Kilometer unserer Tour von 50 Teilnehmern durch das
Lebuser Land geradelt wurden.
Das größte Erlebnis waren und sind die Teilnehmer. Es sind
Radsportfreunde mit verschiedenen Lebenserfahrungen,
unterschiedlichster Weltanschauung und Berufe. Während der
Fahrt und am Lagerfeuer geführte interessante Gespräche und
mancher Witz sind ein Gewinn für alle. Unsere Freunde vom
LZS, die uns umsorgen, sind keine professionellen Reiseführer
und haben einen anderen Broterwerb, aber sie sind bereit,
unsere Wünsche auch persönlich zu erfüllen, gleich ob es sich
um einen Abstecher von der Fahrradtour oder um ärztliche
Versorgung handelt. Wer könnte nicht von einer Irrfahrt
erzählen, zumal es gesperrte Straßen überall gibt. Die
Entwicklung der Fahrten lässt sich an den ersten Quartieren
ablesen. Am Anfang war noch niemand im Land auf Tourismus
eingestellt und wir nahmen in Internaten mit Doppelstockbetten
vorlieb. Heute ist Komfort wie im Ostseebad Mielno fast zum
Standard geworden, aber das hat seinen Preis.
Immer ließen wir uns von der polnischen Küche verwöhnen,
die von Anbeginn auf Vegetarier Rücksicht nahm. Die
Gastfreundschaft zeigt sich in der Mitmenschlichkeit und
Hilfsbereitschaft am Rande der Fahrt und im gereichten Getränk
bei sengender Hitze. Der angebotene Kaffee und Kuchen
während einer Rast ist keine Ausnahme wie andererseits auch
die unverzichtbare Pannenhilfe.
Mit unseren Freunden vom LZS lernten wir auf Oder-Neiße-
Touren von Görlitz/Zgorzelec nach Szczecin die nähere
Nachbarschaft kennen, aber auch die Königsstädte Warschau
und Krakau und die Weiten des Landes – von der polnischen
Küste bis zum Gebirge der Adler im Bieszczady.
Wir machten uns Gedanken über die Beziehungen zwischen
unseren Völkern in fernerer und näherer Vergangenheit. Wir
ehrten die Verteidiger der Post in Gdańsk nach dem deutschen
Überfall im Jahr 1939. Wir verneigten uns vor den Befreiern
vom Faschismus auf einem der größten Soldatenfriedhöfe
Europas in Siekierki. Wir fühlten, dass es Frieden und Glück der
Völker nicht gegeneinander, sondern nur miteinander geben
kann.
„Nie wieder Krieg und Faschismus“ – dieser Schwur von
Buchenwald führt uns alljährlich am 9. November zur Mahn-
und Gedenkstätte nach Sachsenhausen, um die polnischen
Opfer zu ehren, die uns vor gegenwärtigen Gefahren warnen.
Es liegt in der Natur der Sache, dass das Kuratorium
Friedensfahrt, dessen Ehrenvorsitzender Täve Schur ist, und
Horst Schä-fer, der das Friedensfahrtsmuseum leitet, unsere
Freunde sind. Es trifft genau den Nagel auf den Kopf, dass
unsere AG Touren seit dem Jahr 2025 als selbstständige Einheit
unter dem Dach des Vereins Radfreizeit, Radsportgeschichte
und Friedensfahrt arbeitet.
Es sei mir der Vorschlag gestattet, dass im Jahr 2027 unsere
Radtour zum Friedensfahrtsmuseum nach Kleinmühlingen führt.
Wenn seit 1993 jährlich die Räder an den Start rollen, dann
sei bedacht, dass die Fahrten ohne den persönlichen Einsatz,
ohne die Identifikation von Mirko Buggel oder Olaf Schlutow und
die Begeisterung von Bernd Sawitzki, Ekkehard Brandt, Helga
Dunger, Marita Weber, Monika Tharan, Jana Buggel, die über
viele Jahre die Teilnehmerhefte gestaltete, und all den anderen
leider nicht Genannten diese Touren nicht mehr gäbe.
Dafür meinen herzlichen Dank, verbunden mit der Hoffnung,
dass eine weitere Generation an dieser Aufgabe Freude und
Begeisterung findet. In diesen Dank und die Hoffnung auf
weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit sind eingeschlossen
unsere Freunde vom LZS, Jan Graliński und Zdzisław Butrym
mit ihren Mitstreitern.
Es bleibt aus dem Jahr 2009 ein Buch mit dem Titel „Gelebte
Nachbarschaft“. Es enthält Aufsätze über persönliche deutsch-
polnische Beziehungen in guten wie in schlechten Zeiten sowie
Episoden und Geschichten von Tourteilnehmern. Wir sollten das
Büchlein neu lesen und in geeigneter Weise weiterschreiben.
Radfahren ist eine der schönsten Sachen der Welt. Nur
gemeinsam kommt die Gruppe an ihr Ziel, und jeder muss bei
Wind und Wetter seine eigene individuelle Leistung erbringen.
Radfahren ist daher auch eine Schule der Willenskraft und der
Hilfsbereitschaft, die mit der Pannenhilfe beginnt, für die
Wilhelm Zeschmar ein eindruckvolles Beispiel gab.
Mit der gemeinsamen Zeit im Sattel wurden auch sprachliche
Verständigungsschwierigkeiten überwunden. Nicht zu vergessen
ist Michael Dressel, der Sprachkurse auf dem Fahrrad
organisierte.
Es gibt noch viele Wünsche für die Zukunft unserer
Radtouren, aber die können nur durch die Geduld und die Tat
jedes Teilnehmers erfüllt werden.
Fahrräder haben keinen Rückwärtsgang.
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Von der Idee zu Tat …
Mirko Buggel
März 2005
Mit dem Rad zu guter Nachbarschaft
eine deutsch-polnische Tour kommt "in die Jahre"
Ein Julisonntagmorgen zwischen 5 und 6 Uhr früh: Ein großer
und ein kleiner Bus halten auf einem Parkplatz in der Nähe des
Bahnhofes Kostrzyn. Leute steigen aus, nehmen ihr Gepäck und
am LKW ihre Fahrräder in Empfang und beeilen sich, den schon
bereit stehenden Regionalzug nach Berlin noch zu schaffen.
Kurze Verabschiedung "tschüss, bis zum nächsten Mal" oder "do
widzenia, do nastepnego roku". Hier kennen sich welche schon
lange oder sehen sich bald wieder, so scheint es. Beides trifft zu
für eine Radtour, die 2004, in ihrem elften Jahr, die Weichsel
entlang von Warschau nach Krakau führte.
Rückblick: 1992 gehen zwei Männer spazieren,
ausnahmsweise zu Fuß. Der eine Jörg Lüderitz, jenseits der
Oder geboren, erforscht seine alte Heimat mit dem Rad,
publiziert darüber und kennt, wie eine polnische Zeitung
schrieb, die Ziemia Lubuska (polnischer Teil des Lebuser
Landes) bald besser als die Polen selbst. Der andere, Werner
Stenzel, Radsportler, arbeitete mehrere Jahre in Warschau und
war 1990 Mitbegründer der Gesellschaft für gute Nachbarschaft
zu Polen. Die Idee zur Radtour der guten Nachbarschaft wurde
während des Spaziergangs geboren - und gemeinsam mit
polnischen Partnern in die Tat umgesetzt.
So startete 1993 die erste deutsch-polnischen Radtour der
guten Nachbarschaft, die "Ökologie 93". 12 polnische und 43
deutschen Teilnehmer radelten eine Woche durch die Ziemia
Lubuska, mit Etappenorten wie Gorzów, Sulecin, Kostrzyn,
Slubice, Lubniewice. Dabei übrigens auch Radsportlegende Täve
Schur - und, in Gestalt eines Regionalredakteurs, Polens
führende Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Das NEUE
DEUTSCHLAND sah damals sogar "Ein Hauch von Friedensfahrt"
wehen.
In den Jahren darauf sicherte sich das Ereignis seine
Fangemeinde und einen festen Platz im jährlichen
Radtourenkalender. Es folgten Streckenführungen nach
Wroclaw, Torun oder Gdansk. "Mit dem Drahtesel in einer
Woche zwölfmal über die Grenze" titelte die MÄRKISCHE
ODERZEITUNG im Jahr 2000 in Anspielung auf den
Streckenverlauf links und rechts von Oder und Neiße.
Prominentester Teilnehmer damals war Lech Piasecki vom
Fahrradklub Orleta Gorzów, Friedensfahrtsieger 1985 und
mehrfacher Weltmeister.
Ein Jahr später, die BUGA-Tour 2001, endete in Potsdam.
2002 verabschiedete im Berliner Friedrichshain sogar eine
Vertreterin der polnischen Botschaft das bunte Starterfeld nach
Warschau. Im zehnten Jahr, 2003, kehrten die Organisatoren zu
den Wurzeln ins Lebuser Land zurück - nicht aus
Einfallslosigkeit sondern aus Gründen der Tradition. Und 2004
schließlich folgte die Strecke der geschichtsträchtigen Weichsel
in der Mitte Polens.
Deutscher Trägerverein ist von Anfang an die Gesellschaft für
gute Nachbarschaft zu Polen e.V. ,ab 2025 der Verein
Radfreizeit, Radsportgeschichte und Friedensfahrt e. V.
(dazu an anderer Stelle mehr), ihr zuverlässiger Partner die
Abteilung Gorzów/Wlkp. des LZS (Ludowe Zespoly Sportowe -
Zusammenschluss polnischer Volkssportklubs).
Inzwischen zahlreicher kommerzieller "Konkurrenz" begegnen
die ehrenamtlichen Organisatoren mit immer neuen Ideen und
reichlich Idealismus. Den verkörpert als leitender Geist wie
kaum ein anderer seit Anbeginn Werner Stenzel - der spiritus
rector der Tour. Der unermüdliche 66jährige hält den
Teilnehmerstamm zusammen und geht kommunalen Stellen
(z.B. der Stadt Berlin) oder sogar dem Auswärtigen Amt "auf
die Nerven". Und er sorgt dafür, dass es nicht bei einer reinen
Radtour bleibt, sondern Kulturelles und Historisches unterwegs
besucht oder wenigstens nicht übersehen wird. Sein polnisches
Pendant, Zdislaw Butrym, findet auch für kniffligste
organisatorische und finanzielle Engpässe eine Lösung. "Wir
sind zwar nicht so pünktlich wie ihr, dafür können wir besser
improvisieren...", äußerte er augenzwinkernd zu den deutschen
Teilnehmern, als ein Empfang im Wojewodschaftsamt Gorzów
nicht gar so pünktlich begann.
So verschieden die Räder, so unterschiedlich die Motive der
Teilnehmer. Manchem ist es egal, wo er radelt: Ob in Polen,
Afrika oder Grönland - Hauptsache die Straße ist gut und der
Weg bekannt, damit man nicht soviel anhalten muss. Es gibt
Rennfahrer, Kulturmenschen, Polen-Liebhaber, am
Gruppenerlebnis Interessierte, stille Mitfahrer; es gibt die
Aktiven, die ständig in Bewegung und am Organisieren sind, die
Erzähler und die Witzbolde... Angenehmerweise selten in
Reinkultur - so wie im "richtigen" Leben. Unterwegs-Gespräche
gestalten sich je nach Kondition: Steigt das Tempo, geht das
interessanteste Gespräch, bei dem einen eher - bei dem
anderen später, vom Fluss in ein Tröpfeln über...
Glücklicherweise bieten die täglichen Etappenlängen zwischen
60 und (selten) über 100 km neben dem eigentlichen Fahren
viel freie Zeit für unterschiedliche Neigungen. Zu Beginn ordnen
sich "Leistungs-" Gruppen: Gruppe 1 - die "Rennfahrer" (zu der
1993 natürlich auch Täve zählte, Stundenmittel von 30 km/h!),
bis zur Gruppe 5 (es gab auch schon mal 7). Dort finden sich
eher Radspaziergänger zusammen. So gehen die einen
allmorgendlich an den "Start" und die anderen fahren einfach
"los". Da die Etappenziele festgelegt sind, stört bei der Ankunft
ein zeitlicher Abstand von einer bis zwei Stunden zwischen den
ersten und den letzten niemanden.
Geführt werden die Gruppen von polnischen Piloten. Das sind
so eine Art Gruppenleiter. Es dauert nicht lange, bis sich die
sportliche Eigendynamik einstellt: Bleib dran am Pulk oder du
musst immer wieder kräftezehrende Zwischensprints einlegen.
Handbewegungen dienen nicht nur der Lockerung, sondern
wollen etwas sagen: Die Hand weist nach unten: Achtung -
Schlagloch Rinne, Absatz und ähnlich Unerfreuliches; die Hand
weist nach oben: Achtung - gleich halten wir. Schön, dass sich
der Pilot in der Strecke auch mal irrt. Da organisierte Radfahrer
ein gewisses Mindestmaß an Disziplin auszeichnet, wendet dann
der ganze Tross auf der Straße. So können sich die Vorderen
und die Letzten des Feldes auch mal in die Augen schauen,
ohne dass sich Erstere den Hals verrenken.
Für manche Autofahrer, ob Polen oder Deutsche, sind solche
Fernradler ohnehin mit einer "Macke" behaftet. Sie werden von
denen gern aus dem Weg gehupt. So, als ob undisziplinierte
Kinder auf der Straße statt auf dem Spielplatz spielen. Vielleicht
läuft in dem Moment im Autoradio gerade ein Bericht von der
Tour de France... "Richtige" Radrennfahrer stehen "richtigen"
Autofahrern ethnisch irgendwie näher - als ernsthafte
Kämpfer....
Die Teilnehmerzahlen schwankten zwischen 50 und 60, der
Altersdurchschnitt übrigens manchmal auch... Nicht nur "Ossis",
auch Viele aus westlichen Bundesländern, wie Rick, der
Amerikaner aus Mainz oder Verena die Schweizerin zählen
inzwischen zum Stamm. Frauen stellen eine wachsende
Minderheit unter den Teilnehmern dar... und auf jeder Tour
tauchen neue Gesichter beiderlei Geschlechts auf.
In Print- oder elektronischen Medien findet die Veranstaltung
immer weniger Platz. Zu unspektakulär, nichts Besonderes? Wo
doch sonst jeder auffällige Individualist, der sich nur
ungewöhnlich genug auf den Weg macht, wenigstens mit einer
Nachricht beklatscht wird. Die Radtouren der guten
Nachbarschaft begannen, als noch die meisten Reisen gen
Westen führten. Auf politischer Ebenen vollzogen sich in dieser
Zeit große Veränderungen. Die Teilnehmer erlebten Polen in
einer Zeit, als noch mit 50 000 Zloty-Scheinen bezahlt wurde
bis heute, wo das Nachbarland zur Europäischen Union gehört.
Wenn sich im Juli 2005 die Teilnehmer der Radtour der guten
Nachbarschaft völlig unspektakulär voneinander verabschieden
werden, liegt wieder eine ganz besondere Woche deutsch-
polnischer Normalität hinter ihnen...
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